Einmal im Jahr erinnern wir uns, dass ein reich gedeckter Tisch keine Selbstverständlichkeit ist. Das Erntedankfest wird in vielen Gemeinden mit Umzügen gefeiert. Ein schöner Anlass, um den Kindern die Natur und ihre reichen Früchte näherzubringen.

Großer Auftritt beim Erntedankzug in Rosenheim.

Goldene Ähren, frisches Gemüse, knackig rote Äpfel, die mit den Wangen der Kinder um die Wette leuchten – der Herbst ist da, und mit ihm das wohl traditionellste und älteste Fest, das diese Jahreszeit ausmacht: das Erntedankfest. Die Natur und die harte Arbeit der Bauern haben Früchte getragen. Ein Anlass, der schon in vorchristlicher Zeit Grund zum Feiern und Danksagen war. Um die Felder und Beete abzuernten, waren und sind trotz hilfreicher Maschinen viele Hände nötig. Vor allem auf dem Lande wird heute noch vielerorts das Einbringen der Ernte traditionell begangen. Aber auch zu Hause in der Familie gibt es viele Möglichkeiten, die Natur und das Fest zu ihren Ehren zu feiern.

Tradition pur: Schön geschmückter Wagen beim Erntedankfest in Rosenheim.

Ceres, Demeter und Thanksgiving

Dass gut gefüllte Vorratskammern nicht alleine durch harte Arbeit, sondern auch durch die Natur oder eine höhere Macht mitbestimmt werden, wussten schon die Römer. Sie dankten Ceres, der Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit für ihre Hilfe und veranstalteten ihr
zu Ehren ein Fest. Oft wird sie mit einem Ährenkranz (Corona spicae) oder einer Ährengarbe dargestellt, die als Symbol für die Nahrung stehen. Im antiken Griechenland huldigten die Menschen der Göttin Demeter, die in ihren Augen für die Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides, der Saat und der Jahreszeiten zuständig war. Ihre Hauptattribute
sind die Weizenähre und der Mohn. Oft wurde sie auch zusammen mit Blumen, Früchten und Samen dargestellt.

„Die Ernt ist da, es winkt der Halm

den Schnitter in das Feld;

laut schalle unser Freudenpsalm“

– Johann Ludwig Huber –

Erste Belege für das Erntedankfest in der katholischen Kirche stammen aus dem 3. Jahrhundert. Einen einheitlichen Termin gab es jedoch nicht, da die
Ernte, je nach Klimazonen zu unterschiedlichen Zeiten eingebracht wurde. Erst 1972 legte die Bischofskonferenz der katholischen Kirche den ersten Sonntag im Oktober als Festdatum fest, ohne dies jedoch verbindlich auszusprechen. Bis heute ist das Erntedankfest kein offizieller Bestandteil des Kirchenjahrs, dennoch ist der Brauch in vielen
Gemeinden üblich und wird mit Danksagen und der Segnung der Erntegaben gefeiert. Auch in der evangelischen Kirche ist das Fest nicht verpflichtend, sondern wird seit 1985 für den ersten Sonntag im Oktober empfohlen. Das amerikanische Thanksgiving erinnert zwar
an das Erntedankfest der Pilgerväter, hat aber nicht mehr viel damit zu tun. In den USA wird es am vierten Donnerstag im November als Dankesfest für alles Gute und allen Erfolg innerhalb der Familie mit einem traditionellen Truthahnessen begangen.

Erntedank: Woher kommt das Brot?

Früher, als noch etwa 80 Prozent der Menschen auf dem Land lebten und auf eine gute Ernte angewiesen waren um sicher über den Winter zu kommen, hatte das Erntedankfest eine deutlich größere Bedeutung. Heute, in Zeiten in denen die Regale und Teller immer gut
gefüllt sind, bietet das Fest eine gute Gelegenheit, Kindern den Kreislauf der Natur und ihre Früchte spielerisch näher zu bringen. Zum Beispiel können Sie gemeinsam mit der ganzen Familie ein Bibelbrot backen. Das Mehl dazu lässt sich auch selbst herstellen. Besorgen Sie sich bei einem Bauern Getreideähren oder im Naturkostladen ganze Getreidekörner, die Sie in einem Mörser oder in einer Getreidemühle zu Mehl mahlen. Alternativ eignet sich auch ein selbst gebauter Mörser aus zwei rauen Kieselsteinen. Legen Sie die Körner auf den größeren flachen Stein und lassen Sie die Kinder mit dem kleineren kreisförmig mahlen. Trennen Sie das Mehl von den Schalen und verarbeiten Sie es weiter zu Brot.

Das selbst gebackene Bibelbrot kann in der Kirche zusammen mit den Früchten der Ernte aufgebaut und gesegnet werden.

Oder machen Sie einen Naturspielenachmittag mit der ganzen Familie. Kinder lernen mit allen Sinnen. Beim „Geschmacksspiel“ werden verschiedene Erntefrüchte wie Äpfel, Nüsse, Gurke, aber auch getrocknete Früchte zurechtgelegt. Anschließend werden den Kindern die  Augen verbunden und sie müssen nacheinander probieren und erraten, was sie gerade essen. Genauso können die Früchte auch erfühlt werden, in dem alles unter einem Tuch versteckt wird und durch reines Ertasten herausgefunden werden muss, um was es sich
handelt. Die „Früchtekette-Spiel“ kann je nach Alter der Kinder variiert werden. Dabei müssen Gemüse und Obst nach bestimmten Vorgaben an einer Schnur entlang sortiert werden. Für kleinere Kinder kann das eine Sortierung nach Farben, Größen oder Beschaffenheit (von weich nach hart oder rau nach glatt) sein. Für größere Kinder wird ein Zeitlimit festgelegt und die Erntegaben müssen mit ihren Anfangsbuchstaben nach dem Alphabet sortiert werden.

Puppen aus Stroh oder mit Stroh gefüllt werden mancherorts sogar als Opfergabe verbrannt.

Erntekränze und Strohpuppen

Das Basteln einer Erntepuppe aus den letzten Getreidebündeln auf dem Feld hat eine lange Tradition und war früher das Geschenk für den „Geist des Getreides“, der auch im nächsten Jahr für eine gute Ernte sorgen sollte. Dazu werden die Ähren an zwei Stellen zusammengebunden und der Bereich dazwischen ausgestopft, so dass ein runder Kopf entsteht. Für die Arme seitlich einige Ähren einstecken. Heute zieren große Puppen aus Strohballen in vielen Dörfern den Ortseingang und weisen auf das Erntedankfest hin. Aus Getreideähren, Blumen und bunten Bändern werden in vielen Orten für den Umzug riesige Erntekronen geflochten. Die Erntekönigin bekommt eine kleinere Ausgabe als Kopfschmuck und zieht auf einem geschmückten Wagen neben Spielmannszügen und den Bauern auf
ihren dekorierten Traktoren und Feldmaschinen durchs Dorf. Die großen Erntekränze werden oft von mehreren Frauen der Dorfgemeinschaft geflochten und verziert. So wird die Tradition, der Natur zu danken von einer Generation an die andere weitergegeben.

Am Altar werden in vielen Kirchen die Früchte der Ernte zusammen mit der Erntekrone präsentiert.