Das Schalenggenrennen in Pfronten zählt zu einer der beliebtesten Traditionen im Allgäu. Auf den Hörnerschlitten wurde früher Heu ins Tal transportiert – jetzt ist es eine Gaudi für Alt und Jung.

Ein Gedränge und fröhliches Gelächter herrscht, wenn die Stadt Pfronten zum alljährlichen „Schalenggarennen“ wie es im Dialekt heißt, aufruft. Budenzauber und einige Bühnen für Bands machen die Zuschauer heiß auf das traditionelle Schlittenrennen in der Faschingszeit im Allgäu. Und dann geht es auch schon los: Die rund 200 Teilnehmer stapfen teils in historischem Gewand oder in anderer lustiger Verkleidung mit ihren Hörnerschlitten auf dem Rücken zum Start. Die Moderatoren begrüßen die Zuschauer, die schon jetzt ihre Favoriten lauthals anfeuern.

Nichts für Schwache: Die Teilnehmer müssen ihre Schlitten selbst an den Start auf dem Berg bringen.

Wie alles mit den Schalenggen begann …

Viele verbinden mit der närrischen Zeit hauptsächlich Umzüge, Karnevalssitzungen und Bälle. Doch im Allgäu war es schon immer etwas anders: Hier gibt es eine Faschingstradition der besonderen Art, bei der man die winterlichen Bedingungen nutzt: Ein Rennen, bei dem selbst der Langsamste noch einen Pokal überreicht bekommt. Mehr Gaudi als ernsthafter Wettbewerb sorgt dieser Wettbewerb für ungemein viel Spaß bei den Teilnehmern und den Zuschauern. Dabei hat das Rennen einen durchaus ernsten historischen Hintergrund. Auf Hörnerschlitten – Schalenggen genannt – brachte man noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorräte von den Bergen hinunter ins Tal. Im Sommer gemähtes Heu oder geschlagenes Holz, lagerte auf den Almen und wurde im dicken Schnee dann mit den Hörnerschlitten vorsichtig abtransportiert.

Einer vorn zum Lenken, einer hinten zum Bremsen – so geht Arbeitsteilung auf den großen Schlitten.

Auf Hörnerschlitten (=Schalenggen) unterwegs

Damals war das Ganze weit weniger lustig als heute. Um einen Schlitten mit Ladung sicher den Berg hinunter zu bekommen, benötigte man zwei kräftige Männer. Denn nicht selten brachen die Schlitten aus. Um Unfällen vorzubeugen, mussten die ungelenken Schalenggen unbedingt unter Kontrolle gehalten werden. Die Teamaufteilung war klar: Während der
Vordermann den schweren Holzschlitten steuerte, war der Hintermann hauptsächlich fürs Sichern der Ladung und das Bremsen zuständig. Nicht selten kam es vor, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kostbare Fracht auf der Strecke blieb, der Schlitten in seine Einzelteile zerfiel oder die Männer verletzt wurden. Eine Schufterei war der Transport mit den Hörnerschlitten allemal, denn bis zu viermal am Tag machten sich die wackeren Männer bis zum Ende der 1960-er Jahre auf den steilen Weg zu den Vorräten.

Nicht nur Männer wagen sich auf die schwierige Talabfahrt – auch immer mehr mutige Frauen nehmen am Schalenggenrennen teil.

In Tradition verbunden

Die Zeiten des Holzholens sind vorbei, dennoch wird an die Tradition noch heute erinnert. In Pfronten-Kappel trafen sich erstmals 1976 Einheimische an Faschingsdienstag, um mit ihren Schalenggen den Berg hinunter zu rasen. Ein Jahr später fand das 1. offizielle Schalenggen-Rennen statt, das noch heute vom Verein der Kappeler-Schalenggar durchgeführt wird. Mittlerweile wurde es auf den Faschingssamstag verlegt und ist zu einem richtigen Spektakel herangewachsen, das jedes Jahr aufs Neue Groß und Klein begeistert. Bis heute sind nur Schalenggen in der überlieferten Form
zugelassen. Auch Hilfsmittel wie externe Bremsen oder Lenkhilfen sind nicht erlaubt. Neben zahlreichen Wagemutigen aus nah und fern stürzen sich einige „Original Schalenggar“ die rund tausend Meter lange Piste hinunter.

Mit viel Spaß sausen die Rennbeteiligten die hügelige Strecke ins Tal.

Los geht’s zum Schalenggenrennen

Doch zurück zum Rennen! Auch dieses Mal haben sich einige Teilnehmer Heu oder Holz mit auf ihre Schalenggen geschnallt – aber die meisten verzichten lieber ganz darauf. Oben angekommen geht es los. Die Zuschauer säumen rechts und links die Strecke und halten jedes Detail mit ihren Kameras und Fotoapparaten fest. Unter den ganzen Schlitten, gibt es einen, den teilen sich der katholische und der evangelische Pfarrer des Ortes! Das sorgt vor allem in der Zielgeraden für Gelächter, als der Moderator lauthals brüllt: „Unser katholischer Pfarrer weist die Richtung und der evangelische bremst ihn aus! Die Herrschaften sind trotzdem sicher ins Ziel gekommen!“ Mitfahren darf jeder – mittlerweile gibt es auch
einige Frauen, die die nicht unbedingt einfache Talfahrt, herunterbrausen. Gebremst werden die Hörnerschlitten nach der Ziellinie vom dort aufgestapelten Heu.

Unberührte Natur sieht man im Allgäu häufig. Fehlt der Schnee, fällt das Schalenggenrennen leider aus.

Gaudi bei Musi und Brotzeit

Die Schalenggenrennen verdanken ihren Erfolg nicht nur den lustig anzusehenden Abfahrten, sondern auch der ausgelassenen Stimmung am Rand der Piste. Musik und eine humorvolle Moderation tun ebenso wie Glühwein und Essen ihr Übriges, um aus dem Schlittenrennen ein gelungenes Faschingstreiben zu machen. Austragungsort des Rennens ist Pfronten-Kappel. Aus anderen Teilen Pfrontens werden Shuttlebusse eingesetzt, die die Besucher zur Rennstrecke bringen.
Vielleicht sind Sie das nächste Mal ja auch dabei, wenn es wieder heißt „Griaß Gott beim Schalenggarennen“.

Fotos: Pfronten Tourismus