Seit Bambi lieben alle Kinder Rehkitze. Obwohl die scheuen Tiere sich gut zu verstecken wissen, kann man sie mit etwas Glück in der Natur zu beobachten.

„Was war denn das?“ Beim Wandern am Waldrand nehmen Sie oder Ihre Kinder erst mal oft nur eine vage Bewegung in weiter Entfernung wahr. Doch dann sehen Sie sie: Ein, zwei Rehe, die zögernd zwischen den Bäumen hervortreten. Diese Tiere gehören zu den seltenen Waldbewohnern, die uns Menschen bei einem Spaziergang manchmal doch über den Weg laufen. Eigentlich sind diese Tiere wahnsinnig scheu. Aus diesem Grund haben die ursprünglich tagaktiven Rehe ihre Nahrungssuche vermehrt auf die Dämmerung verlegt.

Scheues Reh auf einer Wiese am Waldrand.
Es ist nicht so leicht, ein Reh im Wald zu entdecken, da die Tiere sehr scheu sind.

Im Zwielicht der schwindenden Sonne suchen sich die grazilen Tiere ihr Futter. Das Grasen der Rehe wird in der Jägersprache auch als „Äsen“ bezeichnet. Damit verbringen sie den größten Teil des Tages: Die Nahrung der Rehe besteht aus Kräutern, Gräsern, jungen Trieben und Blättern – nichts, wovon sie mit ein paar Happen schnell satt werden würden. Umso größer ist die Menge, die sie tagtäglich verzehren müssen. Als Wiederkäuer äsen Rehe im Schnitt sechs Stunden pro Tag. Genauso lange käuen sie ihre Nahrung wieder. Dazwischen wechseln die Tiere ständig ihren Standort. Zwar schlafen Rehe nur vier Stunden pro Tag, dafür ruhen sie aber auch noch einmal rund sechs Stunden.

Reh mit Geweih = Hirsch?

Weit verbreitet ist der Irrglaube, der Hirsch sei der Gatte des Rehs. Das Reh gehört zwar zur Familie der Hirsche, ist aber eine eigenständige Art, genau wie Damm- oder Rothirsch.

Die weiblichen Rehe werden als Geißen oder Ricken, die Männchen als Rehbock bezeichnet.

Ihr Geweih ist im Gegensatz zu dem der insgesamt wesentlich größeren Hirscharten klein, spitz und mit höchstens drei Sprossen bestückt. Rehe sind relativ klein, an der Schulter messen sie nur rund 70 Zentimeter und sind damit kleiner als eine Ziege. Im Sommer leuchtet ihr kurzes Fell rotbraun, während das Winterfell dichter und graubraun ist.

Rehe haben einen sehr guten Geruchssinn

Sie haben es vielleicht mit Ihren Kindern schon einmal beobachten können, dass Rehe die Anwesenheit eines Menschen erst nach einer Weile bemerken und dann fliehen. Die flinken Tiere haben zwar gute Augen und Ohren, verlassen sich aber weitgehend auf ihren besonders stark ausgeprägten Geruchssinn. Naht ein Spaziergänger im Gegenwind, so kann das Reh seine Witterung nur schlecht aufnehmen und fühlt sich zunächst sicher. Erst bei einer Störung flüchtet es sofort ins Dickicht.

Rehkitz mit Mutter am Waldrand.
Einen richtigen Fluchtreflex entwickeln junge Rehe erst nach vier Wochen, wenn sie nicht mehr den ganzen Tag in der Deckung verbringen. Mit ihren langen Beinen fliehen Rehe meist nur über eine kurze Distanz. Sie können dabei über Hindernisse leicht hinwegspringen und verstecken sich anschließend im Unterholz.

Bambi bleibt in Deckung

Der Nachwuchs der Rehe kommt im Mai und Juni auf die Welt. Genau wie Bambi aus dem bekannten Disney-Klassiker sind die Kitze zuerst weiß gefleckt. Dieses Fell soll sie tarnen, denn in den ersten vier Lebenswochen begleitet das Rehkitz seine Mutter noch nicht. In dieser Zeit muss es sich täglich selbst einen anderen geschützten Ort, die „Deckung“, wo es am Boden zusammengerollt auf die Rückkehr der Mutter wartet, suchen.

Rehkitz liegt im Gras.
Das kleine Kitz braucht noch viel Ruhe und wartet an einer sicheren Stelle auf die Rückkehr seiner Mutter.

Bleibt seine Mama zu lange fern, beginnt das Kitz nach ihr zu rufen. Der Fluchtreflex ist in dem Alter noch nicht ausgebildet, so dass das Junge auch bei Gefahr ruft, anstatt zu flüchten. Um ihren Nachwuchs zu beschützen, ist die Ricke in der Lage, Feinde mit ihren Vorderhufen anzugreifen. Sollten Sie mit Ihren Kindern ein Kitz entdecken, das hilflos am Boden liegt und sich ängstlich duckt, so verlassen Sie den Ort bitte zügig. Egal wie süß das Kitz auch wirken mag, Anfassen ist definitiv tabu! Die Mutter würde ihr Kind anschließend wegen des fremden Geruchs nicht mehr annehmen.

Egal wie süß das Kitz auch wirken mag, Anfassen ist definitiv tabu!

Erst nach dem ersten Lebensmonat begleitet das Kitz seine Mutter. Nun geht es in die Lehre. Trotzdem wird es von der Ricke bis zur zehnten Woche zweimal am Tag gesäugt. Spielerisch erlernt das Kitz alle Verhaltensweisen, die erwachsene Rehe ausüben, um ihr Revier zu markieren, zu imponieren oder in der Brunft miteinander in Wettstreit zu treten. Die Brunftzeit beginnt sobald die Kitze etwas selbstständiger sind, rund 70 Tage nach der Geburt.

 

Trinkendes Reh.
Ein erfrischender Schluck Wasser tut gut, und die Fische darin brauchen sich vor dem Reh nicht zu fürchten. Rehe sind nämlich Pflanzenfresser und lieben Gräser, Knospen, Laub, Kräuter, Farne und Waldbeeren.

Rehe überwintern gerne in der Gruppe

Im Juli und August sind die Ricken für exakt vier Tage paarungsbereit. Rehböcke nehmen die Witterung auf und verfolgen die Dame ihres Herzens einige Zeit, bevor es zur Paarung kommt. Das befruchtete Ei ruht dann im Mutterleib und entwickelt sich erst ab Dezember. Das hat den Vorteil, dass die Sprösslinge erst im warmen Mai oder Juni zur Welt kommen – nach insgesamt über neun Monaten.

Der Frühling mit seinem reichhaltigen Nahrungsangebot bietet Rehen die besten Überlebenschancen.

Doch vor dem Frühling müssen die Rehe zuerst den Winter überstehen. Dafür schließen sich im Herbst die Rehgeißen mit ihrem Nachwuchs zu Gruppen zusammen. Solche kleinen Herden nennt man „Sprünge“. Ältere Böcke hingegen sind Einzelgänger und schlagen sich alleine durch. Im Winter wird die Nahrung für die Tiere knapp, doch so lange der Boden nicht gefroren ist, finden sich noch immer ausreichend Wurzeln unter der Schneedecke. Ist der Winter besonders streng, legen Förster und Jäger Futterstellen für die Wildtiere an.

Abschied von Mama Reh

Im Frühjahr lösen sich die kleinen Gruppen wieder auf. Auch die Jungrehe aus dem Vorjahreswurf suchen sich nun ein eigenes Revier, meist nicht weiter als fünf Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt. Und wenn die nächste Generation Rehkitze geboren wird, kann sich die Mutter wieder ganz in Ruhe auf ihre Jüngsten konzentrieren.

Reh mit Rehkitz im Wald.
Ohne seine Mutter ist das Kitz hilflos. Sie säugt ihren Sprössling während der ersten zehn Lebenswochen zweimal täglich.